Platz genug, aber nicht fürs Velo

Nach dem Erfolg vom letzten Jahr zählte Pro Velo Bern diesen Sommer wiederum in der Morgen- und Abendspitzenstunde an zehn Kreuzungen, wie viele Velos unterwegs sind. Die erfassten Zahlen sind eine wichtige Basis, um Verkehrsmassnahmen zu planen und deren Wirkung zu überprüfen. Das Resultat zeigt zum Beispiel, dass es in der Stadt Bern Kreuzungen mit über 10 000 Velofahrende am Tag gibt, die fast keine Veloinfrastruktur bieten. Der Platz wäre in Bern zwar oft vorhanden, muss aber an vielen Orten neu und über alle Verkehrsteilnehmenden verteilt werden. Jurgen Mesman, Vorstandsmitglied von Pro Velo Bern: „An der Sulgenau-Kreuzung steht Velofahrenden nur 4% der vorhandenen Verkehrsfläche zur Verfügung, obwohl täglich fast 10 000 Velos vorbeifahren“.

Die Velo-Offensive nimmt Fahrt auf, aber wieviele Velos sind tatsächlich auf den Berner Strassen unterwegs? Um dies zu erheben initiierte Pro Velo Bern deshalb letztes Jahr einen Velozähltag, an dem eine Gruppe Mitglieder und Interessierte an ausgewählten Kreuzungen jeweils in der Morgen- und Abendspitzenstunde die Velos zählte. 2016 liessen sich so rund um die Innenstadt in zwei Stunden fast 17 000 Velos erfassen. Dieses Jahr sind wir mit dem Velozähltag weiter in die Quartiere gegangen, weil hier wichtige Verkehrsprojekte anstehen.

11 000 Velos auf zehn Quartierknoten
Die Resultate zeigen die Spitzenreiter der Morgen- und Abendspitzenstunde:
 Loryplatz (1 900)
Sulgenau (1 800)
Thunplatz (1 600)
Auch beim Bierhübeli, der Länggasse-Mittelstrasse-Kreuzung, Breitenrein- und Guisanplatz erreichen Werte über 1 000 Velos in den Morgen- und Abendspitzenstunde. Insgesamt wurden von Pro Velo Bern an diesem Tag in den zwei Stunden 11 000 Velos erfasst.

Wo hat das Velo Platz?
Die Velozählungen zeigen ein eindrückliches Bild von der Masse der Velofahrenden in Bern. Was uns aber auch aufgefallen ist: Auf viel befahrenen Knoten fehlt der Platz für Velofahrende. Auf dem Loryplatz sind in einer Stunde fast 1 000 Velofahrende unterwegs, aber es fehlt eine durchgehende Veloinfrastruktur. Bei der Sulgenau-Kreuzung sieht es leider nicht besser aus. Nur mit einer durchgehenden und sicheren Veloinfrastruktur lassen sich noch mehr Berner_innen für das Velo gewinnen.

 „Arrogance of Space“
Unsere Wahrnehmung, dass der Platz für Velofahrende fehlt, wird durch das „Arrogance of Space“-Prinzip bestätigt. Wenn man die grosse, verfügbare Verkehrsfläche an den Sulgenau-Kreuzung nimmt, und schaut, wieviel Platz für jedes Verkehrsmittel zur Verfügung steht, dann fällt sofort auf, wieviel Platz der motorisierte Individual-Verkehr (MIV) in Anspruch nimmt (beansprucht 49% der Verkehrsfläche) und wie wenig Platz für das Velo (4%) übrig bleibt. Dies, obwohl der MIV an der Sulgenau-Kreuzung nur dreimal so viel Frequenz aufweist. Es ist also zwingend eine neue und gerechte Verteilung der Verkehrsflächen notwendig.

Grafik Sulgenau (1.9 MB)
Grafik Loryplatz (1.6 MB)